Transcimbrica 2017 – Die Hölle des Nordens

März 14, 2017 in Uncategorized, Radrennen von Max

Transcimbrica 

Die Hölle des Nordens

finish

Mittwoch morgen. Ich beginne ein neues Rad aufzubauen, der Rahmen, Laufräder und die Schaltgruppe liegen schon ewig hier rum, ein paar letzte Teile sind heute mit der Post gekommen. Reichlich früh, denn am Samstag um 0:01 Uhr startet die Transcimbrica. 1340 km Bikepacking von Hamburg nach Skagen und zurück. Die Strecke verspricht hart zu werden, enthält sie doch alles was ich am Radfahren hasse (Gegenwind, flaches Land ohne Anstiege, viele Radwege und wenig abwechslungsreiche Landschaft) – gutes Mentaltraining. Wie hart die Strecke für mich wirklich werden wird, erfahre ich allerdings erst später.

Am Donnerstag ist das Rad fertig, kurze Testfahrt, für gut befunden. Freitag nachmittag noch letzte Feinheiten (in den Rahmen geht kein zweiter Flaschenhalter, also schnell einen Adapter aus Alublech gebaut), dann auf zum Zug und nach HH. Der Zug hat etwas Verspätung und erst kurz vor Start kommen Matthias, der ebenfalls den Zug aus Koblenz genommen hat und ich im Timeless an, hier ist schon alles voller bepackter Räder und Menschen in Lycra. Yeah!

Noch schnell umziehen, dann geht es auch schon los in die Nacht. 18 (oder 19?) Starter und eine kleine Eskorte von Locals macht sich auf den Weg nach Norden. Nach einem kurzen Anstieg bin ich plötzlich allein vorne. Hatte ich so früh nicht geplant, aber gut. Also alleine weiter… Ein paar Kilometer weiter bricht allerdings einer meiner Flaschenhalter nach einem Schlagloch und ich muss anhalten. Räume meinen Feedbag aus und stopfe die Flasche dort rein, in der Zwischenzeit fängt mich die erste Gruppe wieder. Cool, bin ich doch nicht alleine in der ersten Nacht. Während der nächsten Kilometer bleibt die Pace hoch und unsere Gruppe schrumpft zusammen, bis schließlich nur noch René, Thomas und ich übrig bleiben. Zu dritt vergeht die Nacht wie im Flug und irgendwann können wir einen schönen Sonnenaufgang genießen. Der Moment, wenn die Sonne aufgeht und die Müdigkeit vertreibt ist einfach unglaublich! Das liebe ich am Langstreckenfahren!

Um kurz nach 6 Uhr finden wir dann auch eine Bäckerei, in der wir uns kurz aufwärmen und Kaffee und allerlei kalorienreiches Gebäck vernichten. Als wir nach der kurzen Pause gestärkt auf die Räder steigen, fragt uns ein Mann am Straßenrand woher wir kommen. „Hamburg“, antworten wir. Wann wir losgefahren seien? „Heute Morgen um 0 Uhr.“ Die Augen des Mannes werden groß. Er fragt, was unser Ziel sei. „Erstmal Skagen.“ „Und wann seid ihr dort?“ „Wenn alles gut geht heute Nacht.“ Er schaut ungläubig. Entweder er hält uns für verrückt oder er glaubt uns nicht. Vielleicht beides. Egal, wir verabschieden uns und fahren weiter.
Kurz darauf erreichen wir Dänemark und bekommen wir schließlich erste Eindrücke davon, was die Transcimbrica ausmacht: Schotter, Sandwege, langsame Radwege, schlechte Straßen, Wind. Noch hält sich aber alles im Rahmen und zu dritt ist es zu ertragen. Wenn einer von uns einen Durchhänger hat, wechseln sich die anderen im Wind ab. Gutes Teamwork! Gegen kurz nach 18 Uhr erreichen wir schließlich Viborg bei km 400, wo René und Thomas übernachten wollen. Wir essen noch eine Pizza zusammen, dann suchen die beiden sich einen Shelter und ich fahre allein weiter in die zweite Nacht Richtung Skagen. Danke ihr zwei, das war ein super cooler erster Tag!
Bis Aalborg geht alles gut, auf den letzten 100 km nach Skagen bietet die Strecke aber alles auf, was sie zu bieten hat. Über 50% sind hier offroad. Schotter, Sand, Matsch, Bachquerungen, steile kurze Anstiege. Es ist super kalt, am Wegrand liegt noch Schnee! Die Sandabfahrten nachts sind Wahnsinn mit 28mm Rennreifen, unzählige Male lege ich mich fast auf die Fresse. Die Sandanstiege sind teilweise brutal steil – ich komme kaum dort hoch. Eigentlich halte ich mich nur auf dem Rad, weil ich denke dass Tim hier später mit dem Fixie durch muss (meinen tiefsten Respekt!) und der sicher auch irgendwie hochkommt! Mein Essen und Wasser werden auch knapp und gehen schließlich zur Neige. Dann fangen auch noch die Halluzinationen an, die mich meistens in der zweiten Nacht verfolgen. Ich sehe Mülltonnen mit Augen und Zungen, irgendwelche seltsamen Lichter und viele andere Kuriositäten. Brauche dringend Schlaf. Skagen ist nicht mehr weit… In Skagen soll es direkt beim Kap eine tolle Toilette geben. Nachts offen, beheizt, fließendes Wasser. Das ist mein Ziel. Erschöpft in Skagen angekommen finde ich die heilversprechende Toilette allerdings nicht. Vielleicht weiter draußen Richtung Kap? Dort ist aber nur Sand. Fahren gar nicht, schieben kaum möglich. Also packe ich mein Rad auf den Rücken und stiefle los. Was ich nicht wusste: Es sind 1,5 km bis zum Kap. Mit bepacktem Rad auf dem Rücken, nachts, mit Hungerast, völlig übermüdet, in Radschuhen, durch Sand. Es ist zum Verzweifeln! Fast eine halbe Stunde brauche ich bis zum Kap, weil ich mich auch noch verlaufe! Keine Toilette dort. Also zurück, irgendwo muss ich sie übersehen haben. Inzwischen bin ich wirklich verzweifelt: Mein Mund ist ausgetrocknet, ich habe Magenschmerzen vor Hunger, Rückenschmerzen vom Rad auf selbigem, mir ist kalt (unter 0 Grad + windchill!) und bin völlig erschöpft. Verzweiflung bringt mich auch nicht weiter, ich muss die Toilette finden! Kämpfe meine Tränen nieder, gehe weiter. Dann endlich, ganz zurück am Anfang… Da steht sie! Offen, warm. Unendliches Glück durchströmt mich. Kurz mein letztes Essen plündern, dann verkrieche ich mich in den Schlafsack und bin sofort weg… Um 45 Minuten später aufzuwachen, als eine Putzfrau die Toilette betritt. Oh nein! Befürchte Anschiss, vor allem weil ich auch noch mein Rad mit reingenommen habe. Setze mich halb auf, lächle entschuldigend, murmle „Sorry“ und beginne schlaftrunken und unkoordiniert meine auf dem Boden verstreuten Sachen zu packen. „No, no, it’s OK you can stay here if you want“. Unendlich dankbar falle ich zurück in den Schlaf.
Nach 2,5 Stunden Schlaf geht es weiter. 625 km done, 722 to go. Physisch geht es mir gut, psychisch bin ich allerdings erschöpft. Und jetzt kommt der Gegenwind und er kommt heftig! Ich hasse Gegenwind, Wind macht mich mental immer völlig fertig. Bin eine Bergziege mit Leib und Seele, mit Wind komme ich nicht klar. In meinem erschöpften Zustand macht es das noch viel, viel, viel schlimmer. Es geht einfach nichts heute, gar nichts. Nach nur 180 km, die ich nur mit Fluchen, Jammern und Verzweifeln verbracht habe suche ich mir einen Shelter und schlafe 9 Stunden durch. 9 Stunden! Bei einer Langstreckenfahrt! Eigentlich wollte ich heute 400 km fahren und danach maximal 2 Stunden schlafen. Aber es geht nicht. Ich brauche meine mentale Energie zurück, sonst kann ich mich bei diesem Wind gleich in den Zug setzen (diese Idee kommt mir inzwischen immer erstrebenswerter vor, ehrlich).
Am nächsten Morgen breche ich gegen halb 6 auf. Es läuft immer noch nicht rund. Ich beschließe, nach 150 km eine einstündige Schlafpause zu machen und dann nach 300 km ein Shelter zu nehmen. Es geht einfach nix gerade… Diese endlos langen Küstenstraßen ohne Schutz vor dem eisigen Gegenwind zerlegen mich ohne Gnade. Die Landschaft ist auch eintönig und bietet keine Ablenkung von meinem Leid. Und dann.. nach etwa 120 km macht es „klick“. Meine gewohnte mentale Stärke kehrt urplötzlich zurück. Meine Geschwindigkeit steigt, auf meinem Gesicht steht ein breites Grinsen, trotz unvermindertem Gegenwind. Schlafpause bei Tageskm 150? Denke ich gar nicht dran! Ende bei Tageskilometer 300? Ha, guter Witz! Bis ins Ziel wären es 570 km für den Tag und die will ich jetzt durchfahren. Mir geht es super, ich fühle mich als würde ich fliegen.
Leider macht mir das Wetter dann doch einen Strich durch die Rechnung: Nachts wird es durch den Windchill so kalt, dass ich (obwohl mental und physisch noch voll fit) nicht mehr weiter kann. Habe meine Überschuhe zu Hause vergessen und meine Füße sind in den Sommerradschuhen Eisklumpen (ernsthaft, wer vergisst seine Überschuhe?!). Zittere am ganzen Körper. Also nehme ich einen Shelter nach 410 km und traue mich auch erst um 9 Uhr bei strahlendem Sonnenschein und erträglichen Temperaturen wieder nach draußen.
160 km bis ins Ziel… Die sind noch mal hart! Ich hoffe die Menschen auf der Straße mögen Rage Against The Machine, Radiohead und State Radio, denn das dröhnt gerade in voller Lautstärke aus meinem Handy. Kopfhörer habe ich halt auch keine dabei, denn normalerweise fahre ich nie mit Musik. Ist aber eine irre Motivationsspritze. Die Musik holt mich aus meinem Loch und trägt mich weiter, ich fliege wieder.
Nach 3 Tagen, 17 Stunden und 29 Minuten bin ich im Ziel. Fast einen Tag langsamer als ich gehofft hatte. Eigentlich bin ich aber nur froh, dass ich überhaupt angekommen bin. Die Strecke war für mich die absolute mentale Herausforderung, enthielt sie doch wirklich alles was mich fertig macht (Gegenwind, Radwege, flaches Land und kurze steile Wellen, die einen aus dem Rhythmus bringen) und nichts von dem, was ich am Radfahren liebe (lange Anstiege, rasante Abfahrten, abwechslungsreiche Landschaft).
Ziemlich genau 11 Stunden nach mir kommt Max nach einem unglaublichen Ritt in der Nacht als zweiter ins Ziel, ich liege aber bereits im Bett und schlafe meine Erschöpfung aus – sonst hätte ich gern mit einem Bier und Glückwünschen an der Ziellinie gewartet. Den Schlaf habe ich allerdings wirklich dringend nötig!

Die Strecke auf Strava: https://www.strava.com/activities/901260424 „