{"id":949,"date":"2017-03-14T15:03:13","date_gmt":"2017-03-14T13:03:13","guid":{"rendered":"http:\/\/kettenhun.de\/?p=949"},"modified":"2017-04-25T15:12:40","modified_gmt":"2017-04-25T13:12:40","slug":"transcimbrica-2017-die-hoelle-des-nordens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kettenhun.de\/?p=949","title":{"rendered":"Transcimbrica 2017 &#8211; Die H\u00f6lle des Nordens"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #0000ff;\">Transcimbrica\u00a0 <\/span><\/h1>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #999999;\">Die H\u00f6lle des Nordens<\/span><\/h4>\n<p><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/kettenhun.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/finish-1.jpg?ssl=1\" rel=\"attachment wp-att-944\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-944 aligncenter\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/kettenhun.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/finish-1.jpg?resize=530%2C398&#038;ssl=1\" alt=\"finish\" width=\"530\" height=\"398\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/kettenhun.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/finish-1.jpg?resize=1024%2C768&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/kettenhun.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/finish-1.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/kettenhun.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/finish-1.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/kettenhun.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/finish-1.jpg?w=1590&amp;ssl=1 1590w\" sizes=\"(max-width: 530px) 100vw, 530px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mittwoch morgen. Ich beginne ein neues Rad aufzubauen, der Rahmen, Laufr\u00e4der und die Schaltgruppe liegen schon ewig hier rum, ein paar letzte Teile sind heute mit der Post gekommen. Reichlich fr\u00fch, denn am Samstag um 0:01 Uhr startet die Transcimbrica. 1340 km Bikepacking von Hamburg nach Skagen und zur\u00fcck. Die Strecke verspricht hart zu werden, enth\u00e4lt sie doch alles was ich am Radfahren hasse (Gegenwind, flaches Land ohne Anstiege, viele Radwege und wenig abwechslungsreiche Landschaft) &#8211; gutes Mentaltraining. Wie hart die Strecke f\u00fcr mich wirklich werden wird, erfahre ich allerdings erst sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Am Donnerstag ist das Rad fertig, kurze Testfahrt, f\u00fcr gut befunden. Freitag nachmittag noch letzte Feinheiten (in den Rahmen geht kein zweiter Flaschenhalter, also schnell einen Adapter aus Alublech gebaut), dann auf zum Zug und nach HH. Der Zug hat etwas Versp\u00e4tung und erst kurz vor Start kommen Matthias, der ebenfalls den Zug aus Koblenz genommen hat und ich\u00a0im Timeless an, hier ist schon alles voller bepackter R\u00e4der und Menschen in Lycra. Yeah!<\/p>\n<p>Noch schnell umziehen, dann geht es auch schon los in die Nacht. 18 (oder 19?) Starter und eine kleine Eskorte von Locals macht sich auf den Weg nach Norden. Nach einem kurzen Anstieg bin ich pl\u00f6tzlich allein vorne. Hatte ich so fr\u00fch nicht geplant, aber gut. Also alleine weiter&#8230; Ein paar Kilometer weiter bricht allerdings einer meiner Flaschenhalter nach einem Schlagloch und ich muss anhalten. R\u00e4ume meinen Feedbag aus und stopfe die Flasche dort rein, in der Zwischenzeit f\u00e4ngt mich die erste Gruppe wieder. Cool, bin ich doch nicht alleine in der ersten Nacht. W\u00e4hrend der n\u00e4chsten Kilometer bleibt die Pace hoch und unsere Gruppe schrumpft zusammen, bis schlie\u00dflich nur noch Ren\u00e9, Thomas und ich \u00fcbrig bleiben. Zu dritt vergeht die Nacht wie im Flug und irgendwann k\u00f6nnen wir einen sch\u00f6nen Sonnenaufgang genie\u00dfen. Der Moment, wenn die Sonne aufgeht und die M\u00fcdigkeit vertreibt ist einfach unglaublich! Das liebe ich am Langstreckenfahren!<\/p>\n<p>Um kurz nach 6 Uhr finden wir dann auch eine B\u00e4ckerei, in der wir uns kurz aufw\u00e4rmen und Kaffee und allerlei kalorienreiches Geb\u00e4ck vernichten. Als wir nach der kurzen Pause gest\u00e4rkt auf die R\u00e4der steigen, fragt uns ein Mann am Stra\u00dfenrand woher wir kommen. &#8222;Hamburg&#8220;, antworten wir. Wann wir losgefahren seien? &#8222;Heute Morgen um 0 Uhr.&#8220; Die Augen des Mannes werden gro\u00df. Er fragt, was unser Ziel sei. &#8222;Erstmal Skagen.&#8220; &#8222;Und wann seid ihr dort?&#8220; &#8222;Wenn alles gut geht heute Nacht.&#8220; Er schaut ungl\u00e4ubig. Entweder er h\u00e4lt uns f\u00fcr verr\u00fcckt oder er glaubt uns nicht. Vielleicht beides. Egal, wir verabschieden uns und fahren weiter.<br \/>\nKurz darauf erreichen wir D\u00e4nemark und bekommen wir schlie\u00dflich erste Eindr\u00fccke davon, was die Transcimbrica ausmacht: Schotter, Sandwege, langsame Radwege, schlechte Stra\u00dfen, Wind. Noch h\u00e4lt sich aber alles im Rahmen und zu dritt ist es zu ertragen. Wenn einer von uns einen Durchh\u00e4nger hat, wechseln sich die anderen im Wind ab. Gutes Teamwork! Gegen kurz nach 18 Uhr erreichen wir schlie\u00dflich Viborg bei km 400, wo Ren\u00e9 und Thomas \u00fcbernachten wollen. Wir essen noch eine Pizza zusammen, dann\u00a0suchen die beiden sich einen Shelter und ich fahre allein weiter in die zweite Nacht Richtung Skagen. Danke ihr zwei, das war ein super cooler erster Tag!<br \/>\nBis Aalborg geht alles gut, auf den letzten 100 km nach Skagen bietet die Strecke aber alles auf, was sie zu bieten hat. \u00dcber 50% sind hier offroad. Schotter, Sand, Matsch, Bachquerungen, steile kurze Anstiege. Es ist super kalt, am Wegrand liegt noch Schnee! Die Sandabfahrten nachts sind Wahnsinn mit 28mm Rennreifen, unz\u00e4hlige Male lege ich mich fast auf die Fresse. Die Sandanstiege sind teilweise brutal steil &#8211; ich komme kaum dort hoch. Eigentlich halte ich mich nur auf dem Rad, weil ich denke dass Tim hier sp\u00e4ter mit dem Fixie durch muss (meinen tiefsten Respekt!) und der sicher auch irgendwie hochkommt! Mein Essen und Wasser werden auch knapp und gehen schlie\u00dflich zur Neige. Dann fangen auch noch die Halluzinationen an, die mich meistens in der zweiten Nacht verfolgen. Ich sehe M\u00fclltonnen mit Augen und Zungen, irgendwelche seltsamen Lichter und viele andere Kuriosit\u00e4ten. Brauche dringend Schlaf. Skagen ist nicht mehr weit&#8230; In Skagen soll es direkt beim Kap eine tolle Toilette geben. Nachts offen, beheizt, flie\u00dfendes Wasser. Das ist mein Ziel. Ersch\u00f6pft\u00a0in Skagen angekommen finde ich die heilversprechende Toilette allerdings nicht. Vielleicht weiter drau\u00dfen Richtung Kap? Dort ist aber nur Sand. Fahren gar nicht, schieben kaum m\u00f6glich. Also packe ich mein Rad auf den R\u00fccken und stiefle los. Was ich nicht wusste: Es sind 1,5 km bis zum Kap. Mit bepacktem Rad auf dem R\u00fccken, nachts, mit Hungerast, v\u00f6llig \u00fcberm\u00fcdet, in Radschuhen, durch Sand. Es ist zum Verzweifeln! Fast eine halbe Stunde brauche ich bis zum Kap, weil ich mich auch noch verlaufe! Keine Toilette dort. Also zur\u00fcck, irgendwo muss ich sie \u00fcbersehen haben. Inzwischen bin ich wirklich verzweifelt: Mein Mund ist ausgetrocknet, ich habe Magenschmerzen vor Hunger, R\u00fcckenschmerzen vom Rad auf selbigem, mir ist kalt (unter 0 Grad + windchill!) und bin v\u00f6llig ersch\u00f6pft. Verzweiflung bringt mich auch nicht weiter, ich muss die Toilette finden! K\u00e4mpfe meine Tr\u00e4nen nieder, gehe weiter. Dann endlich, ganz zur\u00fcck am Anfang&#8230; Da steht sie! Offen, warm. Unendliches Gl\u00fcck durchstr\u00f6mt mich. Kurz mein letztes Essen pl\u00fcndern, dann verkrieche ich mich in den Schlafsack und bin sofort weg&#8230; Um 45 Minuten sp\u00e4ter aufzuwachen, als eine Putzfrau die Toilette betritt. Oh nein! Bef\u00fcrchte Anschiss, vor allem weil ich auch noch mein Rad mit reingenommen habe. Setze mich halb auf, l\u00e4chle entschuldigend, murmle &#8222;Sorry&#8220; und beginne schlaftrunken und unkoordiniert meine auf dem Boden verstreuten Sachen zu packen. &#8222;No, no, it&#8217;s OK you can stay here if you want&#8220;. Unendlich dankbar falle ich zur\u00fcck in den Schlaf.<br \/>\nNach 2,5 Stunden Schlaf geht es weiter. 625 km done, 722 to go. Physisch geht es mir\u00a0gut, psychisch bin ich allerdings ersch\u00f6pft. Und jetzt kommt der Gegenwind und er kommt heftig! Ich hasse Gegenwind, Wind macht mich mental immer v\u00f6llig fertig. Bin eine Bergziege mit Leib und Seele, mit Wind komme ich nicht klar. In meinem ersch\u00f6pften Zustand macht es das noch viel, viel, viel schlimmer. Es geht einfach nichts heute, gar nichts. Nach nur 180 km, die ich nur mit Fluchen, Jammern und Verzweifeln verbracht habe suche ich mir einen Shelter und schlafe 9 Stunden durch. 9 Stunden! Bei einer Langstreckenfahrt! Eigentlich wollte ich heute 400 km fahren und danach maximal 2 Stunden schlafen. Aber es geht nicht. Ich brauche meine mentale Energie zur\u00fcck, sonst kann ich mich bei diesem Wind gleich in den Zug setzen (diese Idee kommt mir inzwischen immer erstrebenswerter vor, ehrlich).<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen breche ich gegen halb 6 auf. Es l\u00e4uft immer noch nicht rund. Ich beschlie\u00dfe, nach 150 km eine einst\u00fcndige Schlafpause zu machen und dann nach 300 km ein Shelter zu nehmen. Es geht einfach nix gerade&#8230; Diese endlos langen K\u00fcstenstra\u00dfen ohne Schutz vor dem eisigen Gegenwind zerlegen mich ohne Gnade. Die Landschaft ist auch eint\u00f6nig und bietet keine Ablenkung von meinem Leid. Und dann.. nach etwa 120 km macht es\u00a0&#8222;klick&#8220;. Meine gewohnte mentale St\u00e4rke kehrt urpl\u00f6tzlich zur\u00fcck. Meine Geschwindigkeit steigt, auf meinem Gesicht steht ein breites Grinsen, trotz unvermindertem Gegenwind. Schlafpause bei Tageskm 150? Denke ich gar nicht dran! Ende bei Tageskilometer 300? Ha, guter Witz! Bis ins Ziel w\u00e4ren es 570 km f\u00fcr den Tag und die will ich jetzt durchfahren. Mir geht es super, ich f\u00fchle mich als w\u00fcrde ich fliegen.<br \/>\nLeider macht mir das Wetter dann doch einen Strich durch die Rechnung: Nachts wird es durch den Windchill so kalt, dass ich (obwohl mental und physisch noch voll fit) nicht mehr weiter kann. Habe meine \u00dcberschuhe zu Hause vergessen und meine F\u00fc\u00dfe sind in den Sommerradschuhen Eisklumpen (ernsthaft, wer vergisst seine \u00dcberschuhe?!). Zittere am ganzen K\u00f6rper. Also nehme ich einen Shelter nach 410 km und traue mich auch erst um 9 Uhr bei strahlendem Sonnenschein und ertr\u00e4glichen Temperaturen wieder nach drau\u00dfen.<br \/>\n160 km bis ins Ziel&#8230; Die sind noch mal hart! Ich hoffe die Menschen auf der Stra\u00dfe m\u00f6gen Rage Against The Machine, Radiohead und State Radio, denn das dr\u00f6hnt gerade in voller Lautst\u00e4rke aus meinem Handy. Kopfh\u00f6rer habe ich halt auch keine dabei, denn normalerweise fahre ich nie mit Musik. Ist aber eine irre Motivationsspritze. Die Musik holt mich aus meinem Loch und tr\u00e4gt mich weiter, ich fliege wieder.<br \/>\nNach 3 Tagen, 17 Stunden und 29 Minuten bin ich im Ziel. Fast einen Tag langsamer als ich gehofft hatte. Eigentlich bin ich aber nur froh, dass ich \u00fcberhaupt angekommen bin. Die Strecke war f\u00fcr mich die absolute mentale Herausforderung, enthielt sie doch wirklich alles was mich fertig macht (Gegenwind, Radwege, flaches Land und kurze steile Wellen, die einen aus dem Rhythmus bringen) und nichts von dem, was ich am Radfahren liebe (lange Anstiege, rasante Abfahrten, abwechslungsreiche Landschaft).<br \/>\nZiemlich genau 11 Stunden nach mir kommt Max nach einem unglaublichen Ritt in der Nacht als zweiter ins Ziel, ich liege aber bereits im Bett und schlafe meine Ersch\u00f6pfung aus &#8211; sonst h\u00e4tte ich gern mit einem Bier und Gl\u00fcckw\u00fcnschen an der Ziellinie gewartet. Den Schlaf habe ich allerdings wirklich dringend n\u00f6tig!<\/p>\n<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-949 gallery-columns-3 gallery-size-thumbnail'><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/kettenhun.de\/?attachment_id=945'><img width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/kettenhun.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Radbau-1.jpg?resize=150%2C150&amp;ssl=1\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/kettenhun.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Radbau-1.jpg?resize=150%2C150&amp;ssl=1 150w, https:\/\/i0.wp.com\/kettenhun.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Radbau-1.jpg?zoom=2&amp;resize=150%2C150&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/kettenhun.de\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/Radbau-1.jpg?zoom=3&amp;resize=150%2C150&amp;ssl=1 450w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure 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